Vorurteile über den Wein: Der Wein der Wöchnerinnen

Unter den Legenden des Walliser Weinbaus nimmt jene der Humagne Blanche einen besonderen Platz ein. Jahrhundertelang war diese Rebsorte für ihre stärkenden Eigenschaften bekannt, insbesondere aufgrund eines vermeintlichen Eisengehalts, der weit über dem anderer Weine liegen sollte. Ein Glaube, der fest in den lokalen Traditionen verankert war.

Ein Wein, der mit Geburtsritualen verbunden ist

Bereits ab dem 16. Jahrhundert ging die Humagne Blanche über den Rahmen einer einfachen Verkostung hinaus. Sie wurde Teil fest etablierter kultureller und familiärer Praktiken. Damals war es üblich, dass ein Ehemann seiner jungen Frau nach der Entbindung ein „Baro“ Wein schenkte – ein Holzgefäß mit einem Fassungsvermögen von etwa 38 Litern.

Der Wein, der oft erwärmt und mit Gewürzen sowie aromatischen Kräutern angereichert wurde, wurde daraufhin täglich konsumiert. Die junge Mutter konnte mehrere Wochen lang bis zu einem Liter pro Tag davon trinken, in der Absicht, schneller wieder zu Kräften zu kommen. Dieser Brauch, der bereits 1528 belegt ist, hat maßgeblich dazu beigetragen, den „medizinischen“ Ruf der Humagne Blanche zu prägen.

Ein lange Zeit unangefochtener Glaube

Im Laufe der Zeit verbreitete sich dieses Image eines eisenreichen Weins weit über das Valais hinaus und festigte seinen Status als wohltuender Wein. Fast fünf Jahrhunderte lang überdauerte diese Vorstellung die Generationen, ohne jemals ernsthaft infrage gestellt zu werden.

Wenn die Wissenschaft entscheidet

Es dauerte bis zum Jahr 2004, bis dieser Glaube mit einer strengen wissenschaftlichen Analyse konfrontiert wurde. Das önologische Labor von Changins führte damals eine Studie über die Humagne Blanche durch. Das Urteil: Es konnte kein höherer Eisengehalt als bei anderen Weinen festgestellt werden.

Zwischen Tradition und Realität

Auch wenn die Wissenschaft dem Mythos ein Ende gesetzt hat, schmälert dies keineswegs das kulturelle und historische Interesse an dieser Tradition. Die Humagne Blanche bleibt heute eine emblematische Rebsorte des Valais, die für ihren einzigartigen Charakter und ihre Verankerung in der lokalen Geschichte geschätzt wird.

Jenseits aller Überzeugungen zeugt sie vor allem weiterhin von einer starken Verbindung zwischen Wein, Terroir und Traditionen – dort, wo das kollektive Gedächtnis manchmal ebenso viel Gewicht hat wie die Fakten.

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