Wein-Vorurteile: Frauen schätzen trockenen Wein und Männer süßen Wein

Lange Zeit hielt sich in der Weinwelt eine fest verankerte Vorstellung: Männer würden kräftige und tanninhaltige Weine schätzen, während Frauen sich naturgemäß zu süßen Weinen hingezogen fühlten. Ein hartnäckiges Klischee, das sowohl durch soziale Gewohnheiten als auch durch die Geschichte des Weins selbst geprägt wurde.

Als Wein die Rollen der Gesellschaft widerspiegelte

Einst war die Welt der Weinkeller und der Weinbereitung fast ausschließlich männlich geprägt. Die Kellermeister, Autoritätspersonen der Weinwelt, standen im Vordergrund, während Frauen hauptsächlich mit der Arbeit im Weinberg oder peripheren Aufgaben verbunden waren.

In Cafés und Bistros trafen sich Männer bei robusten, vollmundigen und körperreichen Weinen, die ein bestimmtes Bild von Männlichkeit symbolisierten. Frauen hingegen bewegten sich in privateren Räumen, wo manchmal mildere Getränke wie Portwein genossen wurden, der damals als „angemessener“ für die weibliche Zartheit galt.

Eine überholte Geschmacksansicht

Mit der Zeit haben sich diese Grenzen allmählich aufgelöst. Die Konsumgewohnheiten haben sich ebenso entwickelt wie die Stellung der Frauen in der Weinwelt. Heute sind sie Önologinnen, Sommelièren, Weinhändlerinnen, Winzerinnen oder Kellerleiterinnen und beteiligen sich vollumfänglich an allen Dimensionen der Weinherstellung und -verkostung.

Diese Entwicklung hat naturgemäß viele Vorurteile abgebaut. Der Weingeschmack hing nie wirklich vom Geschlecht ab, sondern vielmehr von der persönlichen Empfindsamkeit, der Geschmackserziehung und den Verkostungserfahrungen.

Die Rückkehr der Süßweine

Gleichzeitig haben auch Süßweine ihre frühere Wertschätzung zurückgewonnen. Lange Zeit als altmodisch oder einem spezifischen Publikum vorbehalten angesehen, begeistern sie heute ein viel breiteres Publikum.

Liebhaber suchen heute nach Ausgewogenheit, aromatischer Komplexität und Speisen-Wein-Kombinationen, weit über die alten männlichen oder weiblichen Kategorien hinaus. Und viele Männer bekennen sich heute zu ihrer Vorliebe für edelsüße Weine, Likörweine oder Spätlesen.

Wein, vor allem eine Frage des Genusses

Die Weinwelt hat sich geöffnet, diversifiziert und modernisiert. Verkostungen ersetzen allmählich alte Codes, und jeder stellt heute seine eigene Geschmackspalette zusammen, ohne sich um die Konventionen von einst zu kümmern.

Im Grunde ist der beste Wein, ob trocken, süß, kräftig oder zart, vor allem der, den man gerne teilt.

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